LogParship – Die europäische Verkehrspolitik

Die EU als Singlebörse. „Alle 11 Minuten verliebt sich ein Logistik Single über EU-Parship.“ Das „Matching“ sorgt für die größte Chance auf eine liebevolle Logistiker-Ehe.

Redaktion: Peter Baumgartner.

Das geopolitische Desaster, in das uns unsere „FührerInnen“ hineingeritten haben zeigt, dass wir neben den humanitären und ökologischen Katastrophen auch ein veritables Logistikproblem haben. Die Kurzsichtigkeit, auf Lobbyisten aufgebaute Transportlogistik der EU, wird in der Krise zu einem Megaproblem mit globalen Auswirkungen. Jahrzehnte wurden Warnungen und Expertenmeinungen ignoriert. Jetzt müssen wir die Logistik „überdenken“ und die Infrastruktur „anpassen“, erklärte die, für Verkehr zuständige EU-Kommissarin Adina Vălean im Mai vor ein paar Journalisten.

Richtig wäre gewesen, hätte sie sich für das eigene Versagen (und das ihrer VorgängerInnen) entschuldigt und Platz für eine kompetentere Leitfigur in der europäischen Verkehrspolitik gemacht. Aber das ist für unsere Marionetten-PolitikerInnen keine Option. Stattdessen schlagen sie jetzt wie wild um sich und richten noch mehr Schaden an. Plötzlich ist man in Brüssel und bei der UN draufgekommen, dass die Ukraine ein wichtiger Getreidelieferant für viele Länder ist. Fast müsste man Putin dankbar sein. Ohne seinen verrückten Krieg hätten das unsere Politexperten komplett vergessen. Spätestens seit 1991, mit der Gründung der Ukraine ist allen klar, wo die „Kornkammer der Welt“ liegt und was es logistisch braucht, damit die Verteilung funktioniert.

2016 hat ein österreichischer Getreidebauer, der selber in der Ukraine anbaut angemerkt, dass die EU die Logistikprobleme kennt. Unzureichende Transportkapazitäten, schlechte Infrastruktur, irrwitzige Zollformalitäten usw. Seine im Donauhafen Reni beladenen Schiffe mussten 14 Tage warten, bis das Ergebnis der Warenprobe vorlag etc. Jeder Logistikschüler kannte schon vor 30 Jahren das Problem mit der unterschiedlichen Spurweite bei den Bahnen. Und niemand dachte bisher an die strategische Bedeutung der ukrainischen Donauhäfen (Die Macht, die die Donaumündung beherrscht, beherrscht die ganze Donau).

Lieber überließ man China die Übernahme europäischer Infrastruktur. Sogar Russland hat die Hand auf türkischer Hafeninfrastruktur und lacht uns jetzt wegen unserer verzweifelten Sanktionspolitik aus. Russische Schiffe fahren mit ukrainischem Getreide ungeniert in die Türkei und machen damit ein gutes Geschäft mit jedem, der Geld im Kreml abliefert. Man kann sich nur noch schämen für diese Schwarmdummheit.

Der im Mai von Kommissarin Vălean vorgestellte „Aktionsplan“, es sollte besser heißen Verzweiflungsakt, sieht vor, dass unter der schönen Überschrift „Solidarity Lanes“ alternative Routen für die ukrainischen Agrarprodukte gefördert werden sollen. Abgesehen davon, dass es schon wieder eine unzulässige Täuschung ist von Solidarität zu sprechen, wenn es in Wahrheit um die eigene Suppenschüssel geht, die Routen aus der Ukraine in die EU sind ja da, wo sie immer schon waren. Das sind also keine alternativen Routen. Das sind aha- und ui Erkenntnisse, die man in schöne Überschriften verpackt und endlich nutzen möchte.

Aber das wird dauern, weil aus einem Schlafwagen kann man nicht über Nacht einen Formel-1 Wagen zaubern. Die Rail Cargo Group gibt stolz bekannt, seit Kriegsausbruch (24. Februar) bereits über 130.000 Tonnen Getreide aus der Ukraine exportiert zu haben. Das ist wirklich „beachtlich“, wenn man bedenkt, dass man für diese Menge (konservativ gedacht) gerade mal 10-12 Donau-Schiffskonvois brauchen würde. Aber man freut sich als wichtiger europäischer Bahn-Player einen „kleinen Beitrag leisten zu können“. Ein (öffentlicher) Transporteur, der sogar etwas leisten will und sich darüber freut etwas leisten zu dürfen (!) Man glaubt im falschen Film zu sein. Aber es ist bittere Realität. Immerhin, was bisher als völlig ausgeschlossen und undenkbar galt, wird plötzlich notgedrungen doch wahr: Die Bahn kooperiert mit der Binnenschifffahrt! Wie gesagt, nur aus der Not heraus, aber immerhin. Vielleicht manifestiert sich eine gute Idee für die Zeit danach…

Allen Bemühungen zum Trotz, werden die Versäumnisse aus der Vergangenheit überall in den Donauhäfen sichtbar…
Zu schnell sollen die richtigen Weichen eh nicht gestellt werden, denn auch in der Binnenschifffahrt und in den Binnenhäfen gibt es noch genug Hausaufgaben zu erledigen, um am Logistik-Spiel als ernstzunehmender Partner teilhaben zu dürfen. Die gut gemeinte Solidaritätsaktion der Donaukommission (Danube Solidarity Lane for EU-Ukraine trade), die das Gewerbe mit den Verladern vernetzen soll zeigt nur auf, was in Zeiten von KI und globalisierten Lieferketten längst schon Alltag sein sollte.

Diese Kritik trifft jedoch ausnahmsweise nicht die Politik, sondern zeigt, dass sich bis auf ein paar innovative Ausnahmen, alle Stakeholder in der Binnenschifffahrt darauf verlassen, dass der Staat eh alles regelt. Abgesehen von den seit Jahrzehnten verschlafenen Personalproblemen, muss man sich jetzt auch noch (viel zu spät) mit den Folgen des Klimawandels auseinandersetzen und womöglich müssen Schiffe mancherorts bald auch fahren und nicht nur schwimmen können. Dazu kommen prähistorische Verwaltungsstrukturen, die man bisher als gottgewollt hingenommen hat. Eine wichtige Wasserstraße, wie zum Beispiel den Sulina-Kanal in der Nacht einfach zu sperren, mag vielleicht bei einem Hausbootkanal akzeptabel sein, aber nicht bei einer Wasserstraße mit Doppelfunktion für See- und Binnenschiffe. Die Folgen sieht man jetzt an den Mündungshäfen, wo hunderte Schiffe in Warteposition liegen – nicht nur weil Krieg herrscht, sondern auch weil alte Versäumnisse aufbrechen.

Verhältnismäßig gut läuft es – wie immer – im Straßenverkehr. Zwar brechen auch hier die Versäumnisse der Infrastrukturpolitik und Verwaltung auf und blockieren einen reibungslosen Grenzverkehr, aber der Straßenverkehr wächst dennoch enorm. Zum Nachteil der Umwelt. Bald müssen sich Ukrainer, müssen wir uns die Frage stellen, ob wir lieber mit einer russischen Kugel im Kopf, oder an den Folgen des Klimawandels sterben wollen. An dieser Stelle: Herr Putin, es lohnt sich nicht Krieg zu führen. Wir bringen uns gerade selber um. Seit der Unterzeichnung des Freihandelsabkommens zwischen der Ukraine und der EU im Jahr 2016, ist der Gütertransport auf der Straße um 42% gestiegen. Der Bahn- und Binnenschifftransport hingegen gesunken. Der Anteil der Binnenschifffahrt am Gesamtverkehr kratzt in den meisten Ländern sogar an der Wahrnehmungsgrenze. Die Conclusio der Geschichte ist also, die europäische Verkehrspolitik verhält sich in den Wirren des Krieges wie eine Singlebörse mit Fokus auf männliche Bewerber und Logistiker von Beruf. Alter ist egal, aber mehrsprachig ist von Vorteil und möglichst ohne Haustier sollten die Bewerber sein. Ob das gut geht? Man weiß aus einschlägigen Untersuchungen, dass Partnervermittlungen nicht nur sehr teuer sind, sondern dass auch viel gelogen wird und „feste Bindungen“ eher die Ausnahme und nicht die Regel sind. (PB)

 

Quelle: LOGISTIK express Journal 3/2022


 

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