Schweiz eröffnet den Supertunnel durch den Gotthard

Nach 17 Jahren Bauzeit wurde am 1. Juni 2016 der längste Eisenbahntunnel der Welt, der Basistunnel durch das schweizerische Gotthard-Massiv, feierlich eröffnet. Zur Feier reiste nicht nur die gesamte Schweizer Regierung aus Bern an, sondern auch Österreichs Bundeskanzler Christian Kern und der neue Infrastrukturminister Jörg Leichtfried.

Beitrag: PI/Redaktion

An die 3.000 Personen standen im Einsatz, damit die Eröffnung mit eidgenössischer Präzision glatt über die Bühne gehen konnte. Der neue Tunnel mit einer Länge von 57 Kilometern ist das Herzstück der Neuen Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) durch die Schweiz und soll künftig viel mehr Güter auf der Schiene durch die Schweiz befördern.

Dank des neuen Basistunnels verkürzt sich die Reise von Altdorf im Kanton Uri nach Bellinzona im Tessin um 30 Kilometer. Die Fahrt dauert im Personenzug noch rund 17 Minuten, wenn der Zug mit den erlaubten 200 km/h fährt. Weil die Steigung zwischen Altdorf und Lugano mit dem neuen Tunnel auf 12,5 Promille reduziert wird, gilt die Strecke als erste sogenannte Flachbahn durch die Schweizer Alpen. Damit kann der Güterverkehr auf Schiebeloks verzichten und bis 740 Meter lange und mehr Züge einsetzen. Die Kosten für dieses Mammut-Projekt liegen bei  11 Mrd. Euro. Das grüne Licht für dieses Investment kam von den Schweizer Bürgern direkt, die in einer Volksabstimmung im Jahr 1998 ihr Okay zu diesem wegweisenden Bahnprojekt gaben. 1999 wurde mit den Bauarbeiten der zwei Tunnelröhren durch den Gotthard begonnen. Insgesamt waren 2.400 Personen im Berg be-schäftigt. In den 17 Jahren Bauarbeit verloren neun Menschen ihr Leben, einer davon auch aus Österreich.

Wenn die Züge durch den Tunnel fahren, so befinden sich darüber noch 2.300 Meter hartes Felsgestein. 28 Mio. Tonnen Material wurden aus dem Berg gebrochen. Ein großer Teil des Gesteinsausbruchs kam in Form von Beton wieder in den Berg hinein. Das Tunnelsystem mit Verbindungs- und Zugangsschächten misst 152 Kilometer. Die Felsschicht über den Tunnelröhren macht den Tunnel derzeit zum tiefsten der Welt. Den Weltrekord werden die Schweizer aber nur zehn Jahre lang halten können, denn schon 2026 soll der Brennerbasistunnel in Betrieb gehen. Mit 64 Kilometer Länge wird er wie der Gotthard-Tunnel dazu beitragen, dass sich der Transport von Menschen und Fracht noch mehr auf die Schiene verlagert. Die Kosten für den Brennertunnel werden ähnlich hoch wie jene für den Gotthard-Tunnel prognostiziert.

Doch trotz der Tunnel-Eröffnung bleibt das Verlagerungsziel für den Güterverkehr in der Schweiz noch in weiter Ferne. Laut Umweltschützern fehlt es am politischen Willen, in den Augen der Regierung in Bern liegt es am Ausland. In Italien sollen die drei großen Zufahrtsstrecken zur NEAT bis Ende 2020 angepasst sein. In Deutschland dauert der Ausbau aber noch nahezu zwanzig Jahre, womit die Bedeutung des Tunnels stark relativiert wird. Es gibt noch einige Lücken im Bahnnetz von Rotterdam nach Genua. So gibt man im deutschen Verkehrsministerium auch zu, dass die Planungen für die Zulaufstrecken ins Stocken geraten sind und sich der Aus- und Neubau der Strecke Karlsruhe–Basel auf vier Spuren bis in das Jahr 2025 verzögern wird. Grund dafür seien umfangreiche Neuplanungen nach 170.000 Einsprüchen von Anrainern entlang der geplanten Strecke. Auf italienischer Seite gibt es Ausbauvorhaben, um das Fahren von 740 Meter langen Zügen Richtung Schweiz möglich zu machen. Doch generell ist es um den Bahngüterverkehr in Italien nicht gut bestellt. Laut italienischem Verkehrsminister Graziano Delrio werden gerade mal fünf bis 10 Prozent aller Gütertransporte in Italien auf der Schiene abgewickelt.

Der Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger
Grube, bedankte sich bei den Schweizern für den Tunnel und verteidigte zugleich den Rückstand beim Ausbau der Zulaufstrecken in Deutschland. Es liege daher in der Natur der Abläufe, dass Zeitziele nicht immer eingehalten werden könnten. Es gehe Schritt für Schritt weiter beim Bahnausbau in Richtung Gotthard. Deutschlands Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt versprach, dass Deutschland alles daran setzen werde, den Güterverkehr Richtung Gotthard zu steigern. In den Ausbau der Rheintalstrecke seien bis-her zwei Mrd. Euro investiert worden, weitere 6,5 Mrd. Euro stünden bereit, sagte der Politiker. Auch der österreichische Bundeskanz-ler hat der Schweiz zur Realisierung eines “außergewöhnlichen Projekts” gratuliert.  Das sei nicht nur ein großer Tag für die Schweiz sondern auch ein großer Tag für Europa. Denn die Schweiz habe eine Infrastruktur geschaffen, von der noch viele Generationen profitieren könnten, sagte Kern, der vor seinem Umstieg in die Politik bekanntlich selbst Chef der Österreichischen Bundesbahnen war.

Bei den Feierlichkeiten vor Ort ins Schwärmen
geriet auch der heimische Minister für Verkehr, Innovation und Technologie Leichtfried: „Durch die großen Tunnelprojekte im Alpenraum verbessern wir das Angebot für die Bahnreisenden und schaffen die Grundlage, um so viel Güterverkehr wie möglich von der Straße auf die Schiene zu verlagern.“

Der Gotthard-Tunnel bringe die Chance, einen Teil des Lkw-Transits von der Brenner-Route auf die Bahn zu verlagern. Auch aus wirtschaftlicher Sicht habe der Gotthard-Basistunnel eine große
Bedeutung für Österreich. Zahlreiche österreichische Firmen sind an diesem Jahrhundertprojekt beteiligt. Das beweist die herausragende Expertise der heimischen Unternehmen im Tunnel- und Schienenbau. Neben der Voestalpine, die Schienen und Weichen für den Tunnel lieferte, waren auch die Baukonzerne Strabag und Porr an der Errichtung beteiligt. Das Hightech-Unternehmen Frequentis sorgt für ausfallsichere
Kommunikation im Tunnel. [RE]

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